Viva con Agua de Sankt Pauli folgen

Einmal über die Welt nachgedacht

Blog-Eintrag   •   Sep 14, 2015 16:09 CEST

„Stuttgart ist nicht Marseille - doch Menschen teilen Schicksal, die gleichen Stigmas, die gleiche Politik samt gleichem Ritual, man fährt seinen täglichen Kampf in seiner Welt gefangen bald ist der Horizont nur noch der eigene Tellerrand“

Dass dieser Tellerrand, von dem Max Herre 1999 in dem Song „Briefwechsel“ rappte, als Grenze unserer Perspektive und Wahrnehmung auf die Welt in dieser Form nicht aufrecht zu erhalten ist, wird uns spätestens dieser Tage durch die täglichen Meldungen über Menschen auf der Flucht bewusst. Wir sehen auch, dass die Komplexität dieser Situation nach globalen und grenzübergreifenden Lösungsansätzen verlangt, und lokal isolierte Betrachtungsweisen den zu Grunde liegenden Ursachen nicht gerecht werden.

Längst begegnen sich unsere Welten nicht mehr nur in der dezemberlichen Papaya im deutschen Supermarktregal. Wir haben begonnen, ein Verständnis dafür zu entwickeln, in welcher Weise heutzutage alles und jeder miteinander verbunden ist. Wir lesen von unserer sozialen Verantwortung im Zusammenhang mit Bränden in asiatischen Textilfabriken. Wir verstehen plötzlich, welche Folgen unsere tägliche Schnäppchenjagd an anderen Ecken der Welt nach sich zieht. Langsam entwickeln wir eine Idee von einzelnen Prozessschritten und deren Folgen, welche unseren heutigen Welthandel bestimmen.

Versuchte man z.B. noch vor wenigen Jahren einer zunehmenden, weltweiten Verknappung der überlebensnotwendigen Ressource Wasser zu begegnen, indem man einen bewussteren, generell sparsameren Umgang damit predigte, so ist man heute durchaus um tiefergreifende Lösungen bemüht. Denn auch wenn sich die Deutschen mit einem durchschnittlichen Wasserverbrauch von ca. 120 Litern täglich in einer luxuriösen Situation befinden, leben noch immer 663 Millionen Menschen weltweit ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser. 2.4 Milliarden Menschen verfügen nach wie vor über keine sanitäre Grundversorgung.

Mittlerweile ist klar, dass der häusliche Sparduschkopf vielleicht den eigenen Geldbeutel schont, und eben nicht die Wasservorkommnisse der Trockengebiete in beispielsweise Subsahara-Afrika. Somit stellt sich völlig zu Recht die Frage, wie wenn nicht durch Wassersparen hierzulande den Menschen in den Ländern dessogenannten globalen Südens, die tagtäglich mit der Wasserknappheit zu kämpfen haben, geholfen sei.

Beschäftigt man sich mit den verschiedenen Schritten in der Produktion unserer täglichen Konsumgüter und Lebensmittel sowie der Menge an Wasser, welche die einzelnen Ebenen erfordern, so lassen sich durchaus Möglichkeiten finden, auf sinnvolle Art Wasser zu sparen. Ob es nun kenianische Valentinsrosen, Erdbeeren aus der Türkei, Mikrochips in unseren Smartphones oder die ca. 15.000 Liter Wasser sind, welche in einem Kilogramm Rindfleisch stecken – wir verbrauchen jeden Tag wertvolles Wasser, das andernorts fehlt.

Kürzlich erlassene Wassersparpläne, die die Bürger in Kalifornien zum Wassersparen anhalten, um dem vierten Dürrejahr in Folge zu begegnen, zeigen, dass die Thematik längst auch in den Ländern der nördlichen Hemisphäre angekommen ist.

An dieser Stelle hat jeder die Möglichkeit durch seinen täglichen Konsum einen Unterschied zu machen und wasserintensive Produkte aus wasserarmen Regionen zu vermeiden!

Bildungsangebote, Informationen und Sensibilisierungskampagnen sind in diesem Sinne sicherlich essentiell, wertvoll und in ihrer Bedeutung kaum zu unterschätzen. Unwissenheit darf und sollte nicht länger Grundlage unseres globalen Handelns sein. Wir sollten vielmehr in der Lage sein auf der Basis des Wissens um die zu Grunde liegenden Zusammenhänge, folgerichtige Konsum- und Kaufentscheidungen zu treffen.

Leider sind Handlungsempfehlungen häufig weit weniger eindeutig als vielleicht erhofft, unsere Welt ist komplex und wird jeden Tag komplexer. Eine nachhaltige Sensibilisierung erfordert vielmehr auch einen kritischen Umgang und eine Reflektion mit unseren Alltagsweisheiten und Allgemeingültigkeiten. Wir gehen einfach davon aus, dass unser Wirtschaftssystem diese Art von Globalisierung bedingt, sie steuert und die Spielregeln festlegt. Ohne mit der Wimper zu zucken, finden sich Grundannahmen à la „Wo es Gewinner gibt, muss es auch Verlierer geben“ in unserer Sichtweise wieder. Dabei dabei prüfen oder hinterfragen wir zumeist nicht, ob diese Hypothesen wirklich alternativlos sind und ob sie mit unserer Sich auf die Welt kompatibel sind.

Insofern geht eine stetig positive Entwicklung unserer Gesellschaft auch immer mit der Entwicklung eines jeden Einzelnen einher. Sensibilisierung für globale Herausforderungen braucht den Mut, sich von alten Denkmustern und -strukturen zu verabschieden, braucht den Mut, den Blick über den Tellerrand hinaus zu wagen, sich zu hinterfragen, die Perspektiven zu verändern. Lasst uns mutig sein und eine zusammenrückende Welt als ein Netzwerk verstehen. Ein Netzwerk was nicht nur stark miteinander verbunden und interdependent ist im Sinne negativer Auswirkungen. Sondernein Netzwerk in welchem ebenso positive Synergien entstehen können, in dem sich Möglichkeiten zur Kooperation bieten und in dem Erfahrungs- und Erlebnisräume erschaffen werden, um so letztlich auf kreative und positive Weise Einfluss zu nehmen.

Wir alle sind jeden Tag in der Lage die Welt ein wenig besser zu machen, nicht nur unser eigenes, sondern das Leben all der Wesen, mit denen wir verbunden sind.

Lars Braitmayer (Bildung & Entwicklung Viva con Agua) & Benjamin Adrion (Organisationsentwicklung Viva con Agua)

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